Mythos Wallstreet

Wallstreet

Mythos Wallstreet aus wirtschaftshistorischer Perspektive 

 

JP Morgan an der Wallstreet als Retter der US-Banken 1907? 

In letzter Zeit wird in der Wirtschaftspresse wiederholt erwähnt, John Pierpont Morgan (JP Morgan) sei 1907 der Retter des US- Finanzsystems gewesen. Das ist so wirtschaftshistorisch aber nicht richtig bzw. äußerst einseitig. John Pierpont Morgan führte über sein Bankenkonglomerat diese Krise bewusst herbei, um billig Aktiva aufzukaufen und so sein Vermögen und seine Macht zu mehren. Im Anschluss bewirkte er in der Tat die Rettung des US-Finanzsystems, allerdings unter ungeheurer Bereicherung für sich und seinen Konzern. Dies beschreiben detailliert drei von einander völlig unabhängige Zeitgenossen Morgans und Augenzeugen der verheerenden Wirtschaftskrise von 1907/ 1908:

Conrad Max von Unruh (1890-94 Landrat von Bromberg, zuletzt Geheimer Regierungsrat) beschreibt in hohem Alter die Krise von 1907/08 in seinem 1918 in Leipzig erschienenen Buch „Zur Physiologie der Sozialwirtschaft“ als „Gaunerstreich gewisser U.S. amerikanischer Spekulanten“. Er führt dort genau aus, wie die aus 141 Banken und 36 großen Eisenbahn- und Industriekonzernen bestehende Morgangruppe kurz vor Ausbruch der Krise im Sommer 1907 über den Verkauf großer Mengen von Wertpapieren dem Markt zuerst „Riesensummen Geldes“ entzog, um dann im August 1907 bewusst Kreditierungen an andere Banken zu verweigern und so eine Kreditkrise herbeizuführen:

„Unter dem Vorgeben von Geldmangel versagten nun im August 1907 die Morganbanken die üblichen Diskontierungen und Kreditierungen. Tausende von Firmen, sogar Nationalbanken, wurden zahlungsunfähig, hunderttausende von Existenzen brachen zusammen, auch in Europa …, die Panik erschütterte die Kreditgebäude in der ganzen Welt. Erst als die Sätze für Leihgeld die schon erwähnte Verzweiflungshöhe erreicht hatten, gaben die Morganbanken wieder Geld her und kauften Anlagewerte zu den tief herabgedrückten Kursen ein. Der Beutezug war dreifach gelungen!“ (S.228)

Unabhängig davon schildert Fritz Schwarz in seinem in Bern 1924 erschienenen kleinen Buch „Morgan der ungekrönte König der Welt“ den Krisenverlauf ganz ähnlich. Die Morgan-Banken-Gruppe begann demnach die Kreditverknappung mit einem Goldabzug aus London, stellte dann am 22. August 1907 bewusst alle Kreditierungen an andere US-Banken ein und zog in großem Umfang Geldbestände aus dem Umlauf. Durch die starke Geldverknappung brachen die US- Kreditmärkte zusammen: „Jetzt konnten die Finanzleute daran gehen, die bis auf den untersten Punkt gesunkenen Aktien und Anteilsscheine der Unternehmungen zusammenzukaufen. … Morgan kaufte nachweisbar an einem Tage 100.000 Stück Aktien, die er zum dreifach höheren Kurs vor 8 Monaten verkauft hatte! Als er sich so verschafft hatte, was ihm begehrenswert schien, trat er als „Retter des Vaterlandes“ hervor und verkündigte großartig den Wunsch, „die Spannungen zu lösen“.“ (S.42)

Auch der Zeitzeuge Rudolf Steiner schildert in einem Vortrag vom 15.9.1920 den Krisenverlauf von 1907/08 ähnlich: „Das heißt, eine reine Finanzspekulation, hervorgerufen von einer gewiss geringen Zahl menschlicher Individuen, hat diese Krisis gemacht.“ 2

In der gängigen Wirtschaftsgeschichtsschreibung wird zu Unrecht und irreführenderweise nur der zweite Teil, die Rettung des Bankwesens sowie JP Morgan als Wohltäter geschildert. Es soll gar nicht bestritten werden, dass John Pierpont Morgan stark als Wohltäter in der Öffentlichkeit auftrat, indem er seine Episkopal- Kirche, Schulen und Spitäler unterstützte sowie als feinsinniger Kunstliebhaber auserlesene Kunst- und Buchsammlungen besaß und der Öffentlichkeit stiftete.

Doch die finanziellen Mittel für seine Wohltätigkeit wurden durch rücksichtsloses Vorgehen und Finanzspekulation erworben. Die wirtschaftlichen und menschlichen Folgen der Finanzkrise von 1907 waren fatal: Im Juni 1908 wurde die Arbeitslosigkeit in den USA auf 5 Millionen geschätzt. Wohltätigkeitsorganisationen in den USA waren von Obdach- und Arbeitslosen überfüllt, die Kriminalität stieg stark an, die Gefängnisse waren überfüllt. Auch in Europa wurden hunderttausende wirtschaftliche Existenzen vernichtet.

Nicht als der große Wohltäter und Philanthrop sollte JP Morgan dargestellt werden, sondern als einer der großen Unglücksbringer der Menschheit.

Durch die einseitige Geschichtsdarstellung wird seit etwa 100 Jahren beigetragen zu dem Mythos Wallstreet als dem Motor von Wirtschaftswachstum, Erfolg für die gesamte Wirtschaft und von der Überlegenheit des US- Kapitalsystems. Davon kann jedoch keine Rede sein.

26. September 2008

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